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Finanzmarktkolumne

Ein Cocktail aus Liquidität, Geopolitik und Saisonalität

Basel, 15.08.2017
Politische Börsen haben kurze Beine.
August und September sind saisonbedingt die schwächste Periode im Börsenjahr. Die geopolitische Spannung zwischen den USA und Nordkorea könnte in Handelsspannungen zwischen den USA und China münden, was Aktienmärkte kurzfristig unter Druck setzen könnte. Wir bleiben dennoch mittelfristig konstruktiv auf globalen Aktienmärkten und würden in Schwächephasen Positionen weiter verstärken.
Der optimistische Wirtschaftsausblick der Zentralbanken, robuste Konjunkturindikatoren sowie solide Quartalszahlen zum 2. Quartal 2017 trugen in den letzten Wochen dazu bei, eine Wohlfühlatmosphäre zu schaffen, in der die Großwetterlage rundum positiv beurteilt wurde. Sekundäre Meldungen können in Monaten mit negativer Saisonalität wie August und September solche entspannte Situationen ins Wanken bringen. Der Austausch mündlicher Drohungen zwischen den USA und Nordkorea mag durchaus neue Marktverspannungen auslösen, auch wenn die Auseinandersetzung nicht in einen Krieg eskaliert. Da politische Börsen bekannterweise kurze Beine haben, sollten Investoren die seit Jahren dominierende Kraft an den Kapitalmärkten nicht übersehen ‒ nämlich die große Liquiditätsmauer der Zentralbanken. Die stete Zuführung von Liquidität in die Finanzmärkte seit 2009 stellt die treibende Kraft hinter der Aktienmarkthausse. Daran dürfte sich bis weit ins Jahr 2018 nichts Wesentliches ändern.
US Außenminister Tillerson war bemüht, den politischen Ton zu besänftigen. Der einzige Konsenspunkt über Nordkorea ist voraussichtlich, dass der Beginn eines Krieges einen höchst unsicheren Ausgang haben dürfte. Die nordkoreanische Führung sendet oft kriegerische Parolen auf internationaler Ebene, ist sich aber gleichzeitig sehr wohl bewusst, dass ein Ende des geltenden Status Quo ihren raschen Untergang bedeuteten könnte. Eine Mehrheit an politischen und militärischen Entscheidungsträgern in den USA versteht, dass die koreanische Halbinsel einem Pulverfass gleichkommt, in dem eine Eindämmungspolitik immer zu bevorzugen war. Die USA könnten nun weitere Schritte ins Auge fassen, wie Handelssanktionen gegen China, um China dazu zu bewegen, Nordkorea zu beeinflussen. Handelsspannungen mit China wären an und für sich Grund genug für eine Schwächephase an den Aktienmärkten.
Während geopolitische Ereignisse normalerweise nur kurzfristige Marktreaktionen auslösen, liefern eine systematische Auswertung von Marktindikatoren wie Stimmungs- und Konjunkturindikatoren, Liquidität sowie Saisonalität meistens verlässliche Signale, um die allgemeine Markttendenz korrekt zu antizipieren. Da wir letzte Woche die positive Tendenz für Unternehmensgewinne und Wirtschaftswachstums durchleuchtet haben, richten wir diese Woche unser Augenmerk auf Liquiditätsindikatoren und Saisonalität.
Notenbanken und Geschäftsbanken bestimmen die makroökonomische Liquidität, während Marktteilnehmer durch ihr Verhalten die Marktliquidität beeinflussen. Wir verwenden Mittelflüsse in US ETFs (exchange traded funds) als Maßstab für Marktliquidität. Dieser Indikator für Mittelzuflüsse in US Aktien verrät einen Rückgang in 2Q, was auf eine Schwächeperiode im August hindeuten könnte.
Wir messen makroökonomische Liquidität mit Variablen wie z.B. der Überschussliquidität (Wachstumsrate der Geldmenge M3 abzüglich Industrieproduktionszuwachsrate), der Zinskurve (10-jährige Rendite minus 3-monatigen Zinssatz) sowie der Wachstumsraten der Bankkredite und der Notenbankbilanzen. Unser makroökonomischer Liquiditätsindikator für den Euro-Raum verrät eine Verknappung der Liquidität, was größtenteils auf eine Verflachung der Zinskurve und eine sinkende Wachstumsrate der Bankkredite zurückzuführen ist. Die Situation sieht für den US Markt ähnlich aus.
Die wirtschaftliche Großwetterlage legt nahe, dass eine Korrekturphase im dritten Quartal 2017 eine attraktive Kaufgelegenheit darstellen sollte, denn die Saisonalität dürfte ab Oktober wieder ihre stützende Wirkung entfalten. Investoren sollten die Auswirkungen geopolitischer Spannungen nicht überbewerten, da ihr Effekt oft schnell verpufft. Wir empfehlen, in den kommenden Wochen eine abwartende Haltung einzunehmen und in Korrekturphasen Positionen aufzubauen.

Weitere Auskünfte:
Cédric Spahr  |  Aktienmarktstratege
T: +41 (0)58 317 31 28 | E-Mail:
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